"Putz ist ein Baustoff, dessen Haltbarkeit
durch entsprechende Verwendung, Mischung und Antragsart
vorher bestimmt werden kann.
Wenn Putz zu billigem Sparmaterial herabgewürdigt wird,
um nicht länger als 5 Jahre zu halten,
so schließt das nicht aus,
daß auch heute noch Putze hergestellt werden können,
die Jahrhunderte ihren Zweck erfüllen können.
Häuser sollen nicht nur von Stein und Mörtel,
sondern vor allem von einem sie beherrschenden Geiste gebaut werden."
(aus den "Schriften zur deutschen Handwerkskunst")
"Das Wahre und Echte würde leichter in der Welt Raum gewinnen,
wenn nicht die, die unfähig sind, es hervorzubringen,
zugleich verschworen wären,
es nicht aufkommen zu lassen."
(Arthur Schopenhauer, in: "Die Welt als Wille und
Vorstellung")
Es geht um mehr oder weniger geeignete Baustoffe am Altbau. Damit aber keine Einseitigkeiten aufkommen - es gibt auf diesen Seiten kein Meinungsmonopol -, benutzen Sie bitte die hier gebotenen Surftipps für Dialektiker!
1. Warum Luftkalkmörtel?
Die Praxistauglichkeit "moderner" Mörtelkompositionen auf Basis der hydraulischen / latent hydraulischen Bindmittel Zement, HS-Zement, Traß und Romanzement/hochhydraulischem Kalk entsteht durch modifizierende Zusatzmittel. Auch der traditionelle Kalkmörtel wird erst durch geeignete Zusätze zum "Hochleistungsputz" (so Prof. Dr. Folker H. Wittmann, Vorwort zu: Sanierputzsysteme, WTA-Schriftenreihe Heft 7, Freiburg/Unterengstringen 1995). Ganz im Unterschied zum unvergüteten "Volksputz" (nach Wittmann, s.o.), der nach kurzer Zeit zum altbekannten Versagensfall werden kann.
In der Baudenkmalpflege tauchen seit einigen Jahren zunehmend - wie auch immer - vergütete Luftkalkmörtel auf, die versuchen, seit Jahrhunderten bewiesene Qualitäten historischer Luftkalkmörtel, als da sind: Bestandsverträglichkeit, ästhetisch überzeugendes Erscheinungsbild, Dauerbeständigkeit und Reversibilität, durch die Zusetzung von mineralischen, organischen oder auch synthetischen Zusätzen wiederzugewinnen. Um die brauchbare Rezeptur der Zusatzmittel zu Kalkmörtel bemühen sich auch international viele Institutionen, Forscher, Baustoffhersteller und Restauratoren.
Themenlink: Auszug Dissertation von Dr. Martin Heide zum Thema "Brennprodukte von Tonen als Puzzolane für hydraulisch erhärtende Mörtel: früher und heute"
"Das Geheimnis historischer Kalkmörtel - Können wir es lösen?" heißen typische Tagungsbeiträge auf internationalen Seminaren der Kalkforscher. Derartige Fragen stellte sich selbstverständlich auch der Verfasser dieser Zeilen in seiner Altbau- und Denkmalpflegepraxis - vor allem nach Reinfällen mit den als "modern" gepriesenen Kalkersatzstoffen und Pseudo-Luftkalkmörteln, die von der bauchemisch orientierten Trockenmörtelindustrie in Umlauf gebracht werden, oft aber eher Chemieschlämmen als Mörtel im hergebrachten Sinn gleichkommen.
Natürlich können - wie bei jedem Mörtelprodukt - auch beim Luftkalkmörtel-Hochleistungsputz Verarbeitungsfehler und falsche Anstrichsysteme zu Versagensfällen führen. Glücklicherweise werden diese aber schnell sichtbar und eindeutig zuordenbar, wobei auch schädigende Konstruktionsmischung mit überdichten und/oder überfesten Mörtel- bzw. Anstrichsystemen ein Rolle spielt. Die Schadensbeseitigung gelingt dann selbst in einer auf zwei Jahre verkürzten Gewährleistungsfrist. Die technische und rechtliche Endabnahme bewitterter Kalkmörtel und -anstriche sollte folglich erst nach Überwinterung erfolgen. Kalk verzeiht keinen Fehler, deswegen muß der Planer ein schlüssiges Qualitätsicherungssystem in seiner Planung von der Bestandsaufnahme bis zur Abnahme verankern, die ihn, den Bauherrn und das Bauwerk vor typischem Kalkpfusch hinreichend schützt! Dabei sind oft Handwerk und Produktion gemeinsam am Fassadenpfusch beteiligt, um ihn dann später gemeinsam während der Entstehung zu "decken", wenn der Schaden auf der Hand liegt sich gegenseitig zuzuschustern und am Ende möglichst dem Planer und dem Bauleiter die ganze Schuld unterzujubeln. Das kostet Geld, Zeit und Nerven.
Im Gegensatz zum kalktypischen Schnellversagen stehen die Schadensfälle an verkrusteten und
spätrißgeschädigten modernen Hydraul-/Silikat-/Kunstharz-Produkten: Sie zeigen oft erst nach der fünfjährigen
Gewährleistungszeit ihr wahres Gesicht. Einstürzende bzw. abplatzende Betonkonstruktionen
werden heute überall sichtbar. Ebenso die abplatzenden und bestandsversalzenden Zementmörtel und
Silikatanstriche bzw. die veralgt und verschimmelt abschollenden
Kunstharzbeschichtungen an Fassaden.
Aus Schaden wird man klug, sollte man meinen. Und so wenden sich viele unabhängige Fachleute - vor allem der
Denkmalpflege - ab von den regelmäßig substanzschädigenden Ersatzbaustoffen unserer Zeit - hin zum Bewährten
- wenn man nur die Kenntnisse, das Geschick und die Kunst alter Väter Sitte wiedererwecken könnte!
Stark beeinflußt haben die seit Jahren wahrnehmbare Kehrtwende der Baupraxis zurück zum traditionsbewährten Bauen mit Kalk vor allem traurige Versagensfälle mit Neuzeitprodukten. Jahrzehnte praktischer Forschung vergingen auf der Suche nach geeigneter Vergütungspraxis für die bei den Vorfahren bewährten Kalkbaustoffe. Ihr Erfahrungswissen wurde verwertet. Es ging um die natürlichen organischen (z.B. Zucker, Fruchtsäure) und mineralischen (z. B. Ziegelmehl, Feintone, Borax, Aschen, Erden, Quarz- und Marmorsande und -mehle) Zutaten, die dem Baumeister traditionell für die Baustoffvergütung bereit standen. Nur fand sich nirgends ein brauchbares Rezept, nach dem die natürlichen Mörtelzusätze einst zugegeben wurden. Und auch die überall geübte Analyse historischer Mörtelproben konnte da wenig weiter helfen, denn die nachweisbaren Zutataten halten sich in recht engen Grenzen. Die gängigen Analysenmethoden versagen bei den meisten organischen Substanzen, und können ja nicht mal den Anteil von abbindefähigem Weißkalkhydrat vom Anteil tauben Kalkgesteins trennen. Über recht allgemein gehaltene Empfehlungen und Nennungen bestimmter Produkte geht die verfügbare historische und neue Literatur ja kaum hinaus. Offenbar schrieben ja nicht die Handwerker selbst, die ihr Erfahrungswissen vorwiegend mündlich tradierten, sondern "akademische" Baufachleute.
Eine gewisse Ausnahme macht da Heinrich Burchartz, Mitarbeiter und später Leiter am staatlichen Materialprüfungsamt Berlin (Lichterfelde/Dahlem). In der Zusammenfassung seiner langjährigen Kalkforschung in "Luftkalke und Luftkalkmörtel, Ergebnisse von Versuchen, ausgeführt im Königlichen Materialprüfungsamt zu Groß-Lichterfelde West, 194 Seiten mit 80 Textfiguren, Verlag von Julius Springer, Berlin 1908", bringt er durch solides und ergebnisoffenes Forschen viele durch ausreichende Testanzahl statistisch abgesicherte und entsprechend tabellengestützte Erkenntnisse in die Baubranche, die heute leider mehr oder weniger wieder in Vergessenheit gerieten. Als für den modernen Kalkforscher und vor allem den Kalkpraktiker wesentliche Punkte seien hier genannt (Numerierung nicht im Text):Das in der Literaturrecherche in alten "Mörtelbüchern", der Handwerkspraxis, der Untersuchung herausragend erhaltener Altputze und Versuchsreihen gewonnene Wissen mündete bei einigen Mörtelforschern in der Wiedergewinnung und wohl auch Verbesserung der alten Rezepturgeheimnisse. Verschiedene vergütende Mörtelzusätze mit Wirkungsspektrum hinsichtlich Verarbeitung und Dauerstabilität am Bauwerk und klarer Differenzierung bzw. Mörtelverbesserung hinsichtlich Wasserbedarf und Porosität stehen heute zur Verfügung. Damit lassen sich mit Zutaten im Bereich von ca. einem Promille z.B. Kalkmörtel wieder als "Hochleistungsputze" - sei es als Baustellenmörtel oder als werksgemischter Trockenmörtel herstellen - bis zu unter Luftabschluß binnen 24 Stunden abbindenden Verpreßmörteln auf hydraulefreier Luftkalkbasis - nur durch Trocknungskohäsion, also durch die Wasserabgabe erfolgende Aneinanderhaftung der Bestandteile der Mörtelmatrix.
Die Mörtelbestandteile müssen sich dabei bei hoher Packungsdichte gut verkrallen können. Es kommt also auf eine ausgewogene Sieblinie mit ausreichend Feinanteilen in den Sandkörnern an. Die Geheimnisse eines geringen Wasserbedarfs beim Anmachen des Mörtels, minimierte Rißbildung beim Abbinden, bestes Anhaften am Untergrund mit glatter oder auch stark saugfähiger Oberflächenbeschaffenheit, optimale Wasseraufnahme und Trocknung bei späterer Beregnung - all diese Faktoren können durch ausgewogene Mischungen von mineralischen Kleinstanteilen optimiert werden. Wenn der Rezepteur Erfahrung hat und irgendwann mal ausreichend Bescheid weiß.Die hier durchaus festzustellenden Erfolge bringen Gewinn und verführen die Mitbewerber am Mörtelmarkt zum
Aufsprung auf diesen Zug. Doch Vorsicht:
Es ist nicht alles traditioneller Luftkalkmörtel, was als "alternativer" Kalkmörtel angepriesen wird. Und auch
ein noch so historisch rezeptierter Kalksandhaufen muß trotz jahrundertelang gelagertem edelholzgebranntem
Sumpfkalkbrei - selbst wenn alle tauben Körndl ausgesiebt sind - noch lange nicht der Weisheit letzter Schluß
sein. Ulkigste Sicherheitszutaten der Mörtelchemie versuchen bei den Großen der Branche, die typische Pfuscherei
unserer lieben Handwerker in den Griff zu kriegen. Nicht immer zum Wohl des Bauwerks. Fragen Sie im Zweifelsfall
immer nach der Volldeklaration, Portlandzement-/Weißzement oder Hüttensand-Anteilen und allerlei
wasserrückhaltenden Zusätzen wie Methylcellulosen / Tylosen in als "pures" oder "reines" Kalkprodukt
angepriesenen Creationen und lassen Sie sich Analysen und Referenzen vorweisen. Wer sich hier auf angebliche
Betriebsgeheimnisse beruft, mauert auf Ihre Kosten.
Erst im direkten Vergleich merken Sie, was los ist: ein guter Luftkalkmörtel geht frisch von der Kelle und
haftet dennoch sehr gut an Wand und Decke, ohne abzutropfen. Mit wasserrückhaltend tylosierter
Chemieschlämpe (Zellulosezusatz) verschnittener Mörtel mit Kalkgehalt bappt am Werkzeug. Und was bappt, hat
sehr viele künstliche, wasserrückhaltende und abdichtende Inhaltsstoffe, die genau das behindern, was einen
echten Luftkalkmörtel ausmacht: Selbstheilung, Bestandsverträglichkeit, schnelle Trocknung und Karbonatisierung
- also alle Eigenschaften, die für die Dauerhaftigkeit und Langzeitbewährung wesentlich sind. Deswegen
analysieren und testen "Mineralogenprofis" Luftkalkmörtel nach den Methoden und Normen der Zementchemie. So
wird die kalktypische Carbonatisierung, Festigkeitsentwicklung, Frost-Tau- und Salzbeständigkeit am sichersten
nicht nachzuweisen sein. Was hinwiederum den Wettbewerbern nicht ungelegen kommt.
Wer hat denn und warum anno dunnemals die Zementnormen erfunden?? Und wer hat in der Kalkmörtel-DIN festgelegt,
daß in Luftkalkmörtel - frech deklariert als P Ia bzw. MG Ia, inzwischen nur noch P I, um den Kunden noch frecher im
Ungewissen zu lassen und damit hereinzulegen - wunderliche Mengen an Portlandzement, manchmal raffiniert
als "Weißzement" (mit besonders hohem C3A-Gehalt und damit Treibmineralrisiko!) getarnt - hineingeschmissen werden "dürfen".
Und als was wird er nicht alles verkauft, der so geschändete "Kalkputz/Kalkmörtel"! Inzwischen muß sogar der Begriff
"Klima" herhalten, um 10 bis 15 Prozent Portlandzement in einem angeblichen Kalkputz reinzunudeln. Ja, erlaubt ist hier, was dem
treugläubigen Kunden bestimmt gar nicht gefällt und deswegen in den technischen Merkblättern auch zu 99 Prozent schamhaft
verschwiegen wird. Ist es nicht dennoch Schwindelei? Und all die anderen Gräßlichkeiten wie Tylose, Methylzellulose usw.?
Deswegen mein Tipp: Immer ins sogenannte "Sicherheitsdatenblatt gem. 1907/2006/EG, Artikel 31" gucken, das muß jeder Hersteller
öffentlich präsentieren und da muß es dann dennoch peinlicherweise reingeschrieben
werden, aus Gründen der Ersten Hilfe und Verletzungen durch den ätzenden Zementgehalt und anderen Chemiewohltaten, die dem
Verarbeiter und Endkunden möglicherweise zu Leibe rücken.
Gewissenlose Akademiker und Kaufleute beherrschen den Baustoffmarkt mit seinem von Vermarktungsinteressen regierten Wissenschaftsbetrieb. Wem an der Anerkennung traditionsbewährter, guter und gesunder Bautechnik gelegen ist, weiß, welches Durchhaltevermögen und welche Treue zum echten Handwerk und zum eigenen Gewissen das fordert. Die für sich sprechenden praktischen Ergebnisse an Baudenkmälern, Forschungseinrichtungen und Handwerksausbildungsstätten gaben den Ausschlag für die marktgängige Ausgestaltung der Erfindungen, teils Wiederfindungen aus dem Handwerk. Und natürlich die Katastrophenschäden mit modernen Ersatzbaustoffen, die weder halten, was sie mit pseudowissenschaftlicher Brillanz vorgaukeln, noch gerne bereit sind, die Produkthaftung für derlei gefälschte Baustoffe und ihre den ahnungslosen Handwerkstropf und seinen vertrauensseligen Kunden dann doch überraschenden Brutalergebnisse (vgl. die o.g., den allzumodernen Mörtelentwicklern offenbar unbekannt gebliebenen Langzeit-Erkenntnisse des Heinrich Burchartz!) ungeschmälert zu übernehmen. Da kann es dann freilich nicht verblüffen, wenn heutige "Kalk-Spezialisten" - wie auch auf der 2010er Tagung der Bayerischen Kirchenmaler in Thierhaupten: "Kalk - Bindemittel in der Restaurierung - Erfahrungsberichte" zuallermeist von irgendwie hydraulisch oder gar hochhydraulisch aufgepeppten "Kalkmörteln" zu berichten und empfehlen wußten, kaum jedoch von den einzig wahren und reinen, edlen und im Dauerstandsverhalten grundsätzlich - soweit korrekt verarbeitet und nicht mit synthetisch verseuchten und versprödenden und verkrustenden Farbbeschichtungen wie Acrylatkalkfarbe, Dispersions-Silikatfarbe usw. erstickten und trocknungsblockierten und überbeanspruchend bekrusteten beschmiert - jedem Zementpamp tausendfach überlegenen Hydratkalkmörteln bzw. Luftkalkmörteln. So ernährt man Schwachverständige und Advokaten.
Ohne Volldeklaration sollte ein Restaurierungsprodukt, egal ob von einem industriellen Hersteller oder aus Handwerkserfahrung auf der Baustelle gemischt, jedenfalls nicht eingesetzt werden. Dabei sollte auch die Zusammensetzung im Hinblick auf die Bestandsverträglichkeit und das spätere Alterungsverhalten deklariert werden.
Durch Zusatzmittel können die kristallinen Kalkeigenschaften beeinflußt werden. So entwickeln bei der Abbindung von Luftkalkmörteln spitzprismatische und skalenoedrische Calcitkristalle, die dem Mörtel bessere Verzahnung und höhere Stabilität verleihen, oder eben nur die gedrungenen Kristallformen.
[1] Calcit - Mögliche Kristallformen,
von links: a-skalenoedrisch; b-spitzprismatisch; c-prismatisch; d- rhomboedrisch
[2] Bindemittelgefüge (Detail): |
[3] Bindemittelgefüge (Detail): |
Abbildungen [1-3] aus Peter Boos:
Mineralogische und physikomechanische Untersuchungen an Mörtelsystemen
aus dem Aufgabenbereich der Baudenkmalpflege,
Diplomarbeit zur Erlangung des Grades eines Diplom-Mineralogen
im Fachbereich Chemie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Münster 1998
Siehe hierzu auch:
Kalkputze in der Baudenkmalpflege und
Bausanierung - Zusammenfassung Forschungsbericht Peter Boos
KALKMÖRTELSYSTEME IN DER
BAUDENKMALPFLEGE UND BAUSANIERUNG - zum o.g. Forschungsbericht