Ratgeber '98 für abrißwillige Denkmalbesitzer - Schon lange vor
Hoffmann-Axthelm und Antje Vollmer - mit aktuellem Nachtrag
Wie zerbombe ich das Denkmal?
Wie verramsche ich das Denkmal?
Wie zernutze ich ein Denkmal?
Wie versilbere ich das Erbgut?
Wie gründet man ein Museum? 25
erprobte Praxistips um den Dachboden zu leeren und den Gemeindekämmerer zu ruinieren
Wie benutzt man Denkmale und Architekturkritik als Stoff für eine Polit-Glosse?
Ortsbild- und Landschaftsverschandelung durch Neubauten: "Negativ-Denkmale"
Was bringt es dem Denkmalbesitzer, sein Denkmal zu pflegen? 10 Gründe
Links
Was ist überhaupt ein Denkmal, und was will die Denkmalpflege, bzw. soll sie wollen? - Einsichten von Prof.
Dr. Tilmann Breuer und von Dr. Dieter Martin
Wie teuer ist die Denkmalpflege wirklich? - Ein
selbstkritischer Beitrag - Prof. Dr.-Ing. Jörg Schulze, Rhein. Amt für Denkmalpflege
Aktuelle Kritik an der Denkmalpflege
Auch eine Lösung: Translozierung / Relocation
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Es is immer bloß a Bamm Es is immer bloß a Bamm, den wussi wechmachn, a Heggn Immer sinns bloß a boor Veecherle un Viecher, wu fodd sinn Immer bloß a bißla, a weng wos, nix weider Bloß am End stenners na dodd mid gwaschna Häls un beeglda Hoosn Aus Helmut
Haberkamms Gedichtband "Lichd ab vom Schuß", |
Karin Schade
Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. IGB Göttingen/Eichsfeld
„Ratgeber“
für abrißwillige Denkmalbesitzer
(Erstveröffentlichung in: Der Holznagel, Mitteilungsblatt
der Interessengemeinschaft Bauernhaus IGB
e.V., 24. Jahrgang, Heft 5, Sep./Okt. 1998, zur Veröffentlichung
in den Altbau und Denkmalpflege Informationen freigegeben durch Autorin)
Wir alle wissen, daß der Denkmalschutz überflüssig ist, daß die Denkmalschutzgesetze abgeschafft oder erheblich abgespeckt gehören und daß man die Arbeitsplätze, die künstlich durch Denkmalreparaturen in den Handwerkerfirmen geschaffen werden, sinnvollerweise umlenken sollte für die Beseitigung der Schandmale in den Dörfern und Städten.
Wir wissen aber auch, daß es zu lange dauert und viel zu viel Staub aufwirbeln würde. Deshalb unser neuer
Ratgeber:
Wie schaffe ich es schnellstmöglich, (m)ein Baudenkmal abreißen zu dürfen? 50 miese Tricks, an eine legale Abrißgenehmigung zu kommen,
den wir Ihnen heute in Auszügen vorstellen möchten. Diese Vorgehensweise ist durch die Aushöhlung der heute bestehenden Gesetze viel wirksamer als ein öffentlicher Angriff auf die Denkmalpflege.
Lektion 1: ich besorge mir eine Abrißverfügung.
Diese Lektion bietet sich für all jene an, die auf dem Gelände, das ihr Baudenkmal okkupiert, gern einen lukrativen Neubau erstellen möchten, mit einem Antrag auf eine Erlaubnis zum Abriß aber gescheitert sind, weil man ihnen nicht geglaubt hat, daß ein Abriß und die Erstellung eines kompletten Neubaukomplexes für Sie erheblich billiger kommen würde als das Auswechseln einer Schwelle und der Ersatz dreier gesprungener Dachziegel.
1. Maßnahme: Sie reißen an nicht exponierter Stelle bitte das Dach auf, und bei Wind oder noch besser bei Sturm werfen Sie, ohne sich sehen zu lassen, zwei, drei Dachziegel auf die Straße. Besonders wirksam ist diese Aktion, wenn Sie dabei den Bürgermeister oder den Verwaltungschef treffen können.
2. Maßnahme: Sie lassen einen guten Freund daraufhin eine Anzeige gegen Sie erstatten, weil Ihr Baudenkmal die Sicherheit und Ordnung gefährde. Haben Sie keinen zuverlässigen Freund, erstatten Sie anonym Anzeige gegen sich selbst. Fordern Sie, daß die Dachziegel, die per se eine potentielle Gefährdung darstellen, durch eine leicht verwehende Folie ersetzt werden müssen.
3. Maßnahme: Nach Erhalt der Verfügung zur Entfernung der Dachziegel lassen Sie regelmäßig eine große Menge Wasser im Gebäude arbeiten; Gießkannen sind nicht so ergiebig, organisieren Sie lieber einen Wasserschlauch. Hierbei sind besonders Lehmdecken sehr für eine Durchfeuchtung geeignet.
Haben Sie es nicht gar so eilig mit der Abrißverfügung, lesen Sie bitte weiter unter Maßnahme 5, andernfalls fahren Sie mit Maßnahme 4 fort.
4. Maßnahme: Sägen Sie einen Deckenbalken innerhalb des Hauses durch.
5. Maßnahme: Verkürzen Sie die Intervalle, in denen Sie Anzeigen erstatten; werfen Sie parallel dazu sämtliche Fensterscheiben ein.
6. Maßnahme: Warten Sie eine Menschenansammlung vor dem Gebäude ab und lassen Sie die zum Einsturz vorbereitete Decke herunterfallen. Eventuell können Sie bei schlechter Akustik einen Verstärker zuhilfe nehmen.
7. Maßnahme: Benachrichtigen Sie sofort die Polizei. Rufen Sie nach Ruhe und Sicherheit und Ordnung.
8. Maßnahme: Reißen Sie Ihr Haus möglichst schnell nach Erhalt der Abrißverfügung ab; sonst kommt noch irgendein Idiot, der meint, das Haus sei noch zu retten.
Lektion 2: ich weise die wirtschaftliche Unzumutbarkeit nach
Diese Lektion bietet sich für all jene an, die sich durch die Existenz eines Baudenkmals in der Nachbarschaft oder sonstirgendwo in Ihrem Wohlbefinden oder bei der Vermehrung Ihres Kapitals gestört fühlen.
1. Maßnahme: Gehört das Baudenkmal nicht Ihnen, kaufen Sie es.
2. Maßnahme: Trennen Sie das vorhandene Grundstück vom Haus ab; nutzen Sie es oder tun Sie wenigstens so als ob, lagern Sie zum Beispiel Ihren Müll auf dem Gelände.
3. Maßnahme: Versperren Sie den Zugang zum Gebäude.
4. Maßnahme: Bieten Sie Ihr Objekt nun werbewirksam an; zeigen Sie bei Besichtigungsterminen aus allen Fenstern stolz auf Ihren stinkenden Müllhaufen und weisen Sie darauf hin, daß fehlerhafte Wasseranschlüsse und andere installationen nicht möglich sein werden, da sie über Ihr Grundstück verlegt werden müßten, was Sie selbstverständlich nicht zulassen würden. Lassen Sie sich jeden Besichtigungstermin bestätigen.
5. Maßnahme: Sollte sich ein Interessent nicht abschrecken lassen, erzählen Sie ihm einfach, die Abrißgenehmigung sei schon erteilt, er sei zu spät gekommen.
6. Maßnahme: Reichen Sie Ihre Liste mit abgeschreckten Interessenten beim Denkmalamt ein; weisen Sie in einem Anschreiben auf den schlechten Zustand des Gebäudes hin. Zeigen Sie sich sehr zerknirscht, ein so wundervolles Zeitzeugnis nicht mehr halten zu können und setzen Sie sich vehement für eine Auflage der Denkmalbehörde zur Translozierung ein, denn Sie wissen ja: das erspart Ihnen die Kosten für den Abriß; diese muß dann der Kaufinteressent tragen!
Bei Interesse können Sie jederzeit die Broschüre anfordern bei der IGB . Auf Wunsch werden wir versuchen, Kontakte zwecks Erfahrungsaustausches herzustellen.
Die bisher wohl witzigste Variante des großen vaterländischen Krieges gegen den deutschen Altbau liefert die "Kommission Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern", auch "Expertenkommission Leerstand Ost" genannt. Ihr Fazit (lt. ibau Planungsinformationen 21.11.2000): "Viele Städte drohen auseinander zu brechen. Sie zerfallen in Fragmente aus leeren Altbaugebieten, konsolidierten, in neuer Pracht wieder erstandenen Kernbereichen, halbleeren durch Abriss schrumpfende Plattenbausiedlungen ... und in große neue Einfamilienhaussiedlungen. Ein Ende ist nicht abzusehen ..."
Daraus wird nun in bekannter Manier gefolgert, die leerstehenden Altbaugebiete auch der Innenstädte, oft im Kern mittelalterliche Baudenkmale mit dem Erscheinungsbild des 18./19. Jhs., endlich endgültig abzuräumen. Gefördert durch Staatsknete aus dem mit privatisiertem Volksvermögen "überquellenden" Steuertopf. Eine geniale Finanzquelle für die institutionellen Immobilisten, die den privaten Hausbesitzer logischerweise ausspart. Das diesbezügliche Gemäkel der kapitalistischen Haus- und Grundbesitzervereinigungen darf man als echter Roter (auch in schwarzer Verkleidung, man denke an die nachwendliche Endlösung betr. Altgroßgrundbesitzer mittels Kohl-Regierung) nicht ernstnehmen. Hauptsache, die Genossen-/Spezlversorgung im Wohnungsunternehmen funktioniert weiter. Endlich finden die genialen Abrißprogramme der DDR zugunsten eines Neuen Deutschlands ihre Erfüllung. Für den Wiederaufbau wäre dann neben der aktuellen Kaninchenstallbauweise auch die Berücksichtigung der Baukultur unserer Neubürger angesagt. Ein prima Weg aus der häßlichen deutschen Bauleitkultur. Wie man z.B. leergezogene Kirchen minarettgarniert in dauergenutzte muselmanische Architektur verwandelt, ist ja schon lange in Istanbul zu besichtigen. Tipp für Architekturisten: Der Schuppen hieß mal Hagia Sophia...
Natürlich versucht die staatliche Denkmalpflege dagegenzuhalten und fordert (und fördert mittels neuartiger Zuschußstrategien!) die Mitwirkung bei der erhaltungsorientierten "Entwicklung von Nutzungs- und Finanzierungskonzepten" (so Dr. Jörg Haspel, Chef der Berliner Denkmalpflege, in der ZEIT am 14.9.2000). Typische Spielverderber in der Spaßgesellschaft. Sogar gegen den verordneten Dämmzwang werden dort schon Stimmen laut. Was haben die nur gegen die Zerstörung des Wohnklimas, der Altbauten und der Geldbeutelbestände mittels Energiesparwahn? Wie lange noch läßt sich die seriöse Wirtschaftspolitik das gefallen?
Noch ein heißer Tipp für Investoren und Planer: Wer es versteht, der Profilneurose eines von täglichem Mißmanagement und Mißerfolg geplagten Denkmalpflegers (es soll ja auch welche von dieser Kategorie geben) durch galante Unterwürfigkeit ausreichend zu schmeicheln, kann das Denkmal vergewaltigen bis zum Abriß. Dazu gehören auch manche witzigen Polit-Geschäftchen und sonstige Einflußnahmen auf Gegenseitigkeit. Bisinässäsjuschl.
Besonders schön arbeiten Treuhandnachfolgeeinrichtungen den überflüssigen Denkmalbestand ab. Dabei werden die aus dem Arbeitsmarkt sonst ausgesonderten Mukkibesitzer sowie sogar willige Inschönöhre in Brot und arbeit versetzt. Beispiel MVP: Abbruch der Feldsteinställe in H., Transport Abbruchmaterial zum Schloß G. (Besitzer Freiherr von M.). Dort kann man ja hübsche Mäuerchen errichten, um wieder freche Bauern vom Junkerland fernzuhalten. Die für das allerorten dringend erforderliche Aufräumen MVPs beauftragte Abbruchfirma "Kluge Denkmalschutz, Duisburg" (nach Angabe in IGB-Der Holznagel 5/2003) konnten ihr kluges Denkmalschutz-Werk natürlich nur deshalb erfüllen, da ihnen gefällige Ingenieursgutachten zur Seite standen. Motto: Abbruch unvermeidlich, Erhaltung wirtschaftlich unzumutbar. Das zieht immer und die beteiligten Behörden sind aus dem Schneider. Note: Sehr empfehlenswert!
Ein unglaublich lehrreiches Beispiel der Behördenrealität rund um eine Denkmalsanierung - vom Erhaltungswillen bis zum Abbruchantrag - bietet diese fetzige Webseite vom Märchenhof bei Kassel.
§ 573 Ordentliche Kündigung des Vermieters
(1) Der Vermieter kann nur kündigen, wenn er ein berechtigtes Interesse an der Beendigung des Mietverhältnisses hat. 2Die
Kündigung zum Zwecke der Mieterhöhung ist ausgeschlossen.
(2) Ein berechtigtes Interesse des Vermieters an der Beendigung des Mietverhältnisses liegt insbesondere vor, wenn
1.
der Mieter seine vertraglichen Pflichten schuldhaft nicht unerheblich verletzt hat,
2.
der Vermieter die Räume als Wohnung für sich, seine Familienangehörigen oder
Angehörige seines Haushalts benötigt oder
3.
der Vermieter durch die Fortsetzung des Mietverhältnisses an einer angemessenen wirtschaftlichen
Verwertung des Grundstücks gehindert und dadurch erhebliche Nachteile erleiden würde; die Möglichkeit, durch eine
anderweitige Vermietung als Wohnraum eine höhere Miete zu erzielen, bleibt außer Betracht; der Vermieter kann sich auch
nicht darauf berufen, dass er die Mieträume im Zusammenhang mit einer beabsichtigten oder nach Überlassung an den Mieter
erfolgten Begründung von Wohnungseigentum veräußern will.
(3) Die Gründe für ein berechtigtes Interesse des Vermieters sind in dem Kündigungsschreiben anzugeben.
Andere Gründe werden nur berücksichtigt, soweit sie nachträglich entstanden sind.
(4) Eine zum Nachteil des Mieters abweichende Vereinbarung ist unwirksam.
Lehrreiche Beispiel aus Austria - Zum klammheimlichen Abriß des
Kaipalastes auf Raten: INITIATIVE KAI-PALAST
und zur veramteten und bürgermeisterlichen Abbruchgrazie in der
vorgeblichen Kulturhaupt- und Weltkulturstadt Graz, wo wieder einmal Wirtschaftlichkeitsverrechnungen
(die ja sowohl für kreditfinanzierten Alt- wie Neubau immer Unrentierlichkeit
bestätigen müßten, wenn nicht Spitzenlage am Kudamm) den
Grund zum Denkmalmord am Kommod-Haus liefern: Bericht
aus "Kleine Zeitung" mit Diskussionsforum, Stellungnahme:
ICOMOS-Präsident
besorgt um Grazer Weltkulturerbe-Status, Stellungnahme der Österreichischen
Gesellschaft für Denkmal- u. Ortsbildpflege, ORF
TV-Bericht. Ob man die rotweißen Kulturterminatoren nicht besser
auch in Kalifornia als vater(lands)lose schwarze Negger herumregieren lassen
sollte? Das Blödi Building könnte man da pfeilgrad sparen. Ja
freili, d' austriakischen Intölläcktuölln sind hoit modärn
(gibts dafür jetzt grad kein english surrogate?): Bürgeradvokatur
erfordert mehr als Sonntagsredetechnik
Und hier kann man VON POLEN LERNEN: Abbruchtricks aus Wr´száwzc´zwrs´ctzwa (oder so, hieß mal Warschau)
Oder diese Alternativen: Brüsselisierung oder Fassadismus - Jana Laasch: "Fassaden-Retterei, Denkmalschutz auf Brüsseler Art"
Oder, oder, oder:
Leipzscher Seilschaftstechnik rund um "verkehrsbedingten" Abriß des
Henriette-Goldschmidt-Hauses
Stadtbildverbrechen und Denkmaltötung in Marburg
Die Ermordung der vergreisten Oppenheimer Denkmal-Scheune
Ehrenmalvernichtung durch vorauseilenden Zeitgeist in Bad Doberan
Denkmalabbruch und Bürgermeinung in Bremen
Massenmord an Zürcher Kreuzplatz-Denkmalbuden
Rettet das Hallenser Irrenhaus! Oder eben nicht?
Endlich! Abbruch des Schlosses Schönhausen in Pankow ab 18.1.04
Obs was nutzt? denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule
Neu: Beispiel aus meiner Bauberatung betr. Abbruch/Neubau oder Denkmalerhaltung
Gute Tipps, wie ein Luschkopf im luschigen Reich Denkmale kurzschließt, gibt Alexander Kierdorf in seinem SZ Artikel am 19.3.04:
"Totalschaden
Moskau
Mehr Geld als Verstand: Wie
Bürgermeister Luschkow Russlands
Hauptstadt kaputtentwickelt
... In der Nacht der russischen Präsidentschaftswahlen ging (die ehemalige Reithalle "Manege" aus dem Jahr 1817) in Flammen auf. Ein "Kurzschluss" habe das Feuer ausgelöst, erklärte Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow. Der Verdacht der Brandstiftung liege in der Luft, meinte dagegen Alexei Klimenko, einer der angesehensten Denkmalschützer Moskaus, immerhin hätten Investoren schon lange ein Auge auf die Traumimmobilie am Fuß des Kreml geworfen. ... Am heutigen Freitag nun werden die Pläne für die Rekonstruktion vorgestellt. Vielleicht mit einer stählernen Stützkonstruktion. Und zwei Geschossen Tiefgaragen.
Selbst ohne Brand aber dürfte die "Manege" die kommenden Jahre kaum heil überstanden haben. Denn in Moskau tobt eine Bauwut, der ganze Viertel zum Opfer fallen. ... Innerhalb weniger Jahre, so die Klage von Denkmalschützern, verliere Moskau einen großen Teil ihrer historischen Bausubstanz; "verbrecherisch" seien die Vorgänge, "staatlicher Vandalismus".
Die Zerstörung folgt gewissen Regeln: Aus den oft willkürlich für "abbruchreif" erklärten Häusern, die einem Neubauprojekt im Wege stehen, werden die Bewohner vertrieben; ungewöhnlichere Objekte tauchen gelegentlich als Totalkopie wieder auf, um ein künstlerisch banales Neubauprojekt zu kaschieren. ... Der Abriss (des Hotels Moskwa) für eine geplante Totalkopie wirkte wie ein Signal zur ungehemmten Zerstörung. ...
Gebäuden (im Umfeld des Kreml), die nicht abgebrochen werden, droht die Entkernung. ... Ein weitere Schwerpunkt des Kahlschlags sind einstige sowjetische Industriequartiere. Ein städtisches Programm fördert die Aussiedlung solcher Betriebe; zudem haben sich so genannte "Company raider" wie die Firma ROSbuilding darauf spezialisiert, marode Unternehmen aufzukaufen, zu schließen und ihre Bauten zu vermarkten. ...
Viele Bauprojekte drängen in die dicht bebauten Wohngebiete der Innenstadt. Meist beginnt es damit, daß die Bauherren mit der Stadtregierung die Sanierung eines Baudenkmals vereinbaren; der Erweiterungs- oder Neubau nimmt dann so eine expansive Stellung ein, dass er seine Nachbarn bald erdrückt. In Mitleid gezogen werden oft solide Wohnhäuser. Und dies alles mit Duldung oder sogar Unterstützung der Stadtregierung, in deren Hand sich noch immer ein Großteil der Immobilien befindet. ... ist der "Totalschaden" eines Gebäudes erst einmal festgestellt, kann die Verwaltung dem ersatzlosen Abbruch zustimmen, selbst wenn es als Baudenkmal eingetragen ist. Auf diese Weise verschwanden in den letzten Jahren hunderte von denkmalwerten Bauten; Hunderte weitere sollen folgen. ...
(Zur gezielten Vernichtung) trage auch eine bei Luschkow und vielen Investoren verbreitete Vorstellung bei, die im Duplikat die optimale Form des Umgangs mit einem historischen Gebäude sehe. Dass ein Baudenkmal ein authentisches Geschichtszeugnis sein sollte, ist eine Vorstellung, die in Russland wenig verbreitet ist. ... Handwerkliches Können, Ehrgeiz und Phantasie der Restauratoren verbinden sich mit den Möglichkeiten neuer Materialien zum Schaden des Denkmals und zur Irreführung des Betrachters. Dagegen fehlen einfache Bauhandwerker. ..."
Ja Sack, des is ja ganz genau wie hierzulande! Und raten Sie mal, wie die Lieferanten der "Neuen überlegenen Materialien" heißen und wo sie herkommen? Und wen sie bestechen, um den Boom der neuen Denkmale mitzugestalten? Genau!
Obermain-Tagblatt Lichtenfels 23.6.1999:
"Gläubige loben den Bombenleger
Nach Sprengung eines denkmalgeschützten Pfarrhofes
herrscht Zwietracht im Dorf
ACHSHEIM
Von Christoph Meyer
Die Stimmung unter den 800 Einwohnern im schwäbischen Achsheim ist noch immer explosiv. Vor zwei Wochen hatte ein Dorfbewohner den historischen Pfarrhof mit Flüssiggas-Flaschen in die Luft gesprengt. Seither herrscht in der Gemeinde Funkstille.
Ein
paar Steine, das ist alles, was vom alten Pfarrhof in Achsheim blieb. Zwei
Bewohner hatten den umstrittenen denkmalgeschützten Bau in die Luft
gesprengt. Foto: dpa/Puchner
Seit mehr als 20 Jahren war das über 300 Jahre alte Baudenkmal unweit der Kirche ein Zankapfel. Während ein Großteil der Gemeinde inklusive Pfarrer für den Abriß zugunsten eines schicken Neubaus plädierte, setzten sich der CSU-Landtagsabgeordnete Sebastian Kuchenbaur und der Landesdenkmalrat für den Erhalt der Ruine ein. Nach der Explosion zeugt allerdings nur noch ein drei Meter hoher Schuttberg von dem historischen Bau.
"Das sind Verhältnisse wie auf dem Balkan", klagt Kuchenbaur. Schließlich haben sowohl das Landratsamt als auch die Regierung von Schwaben den Antrag auf Abbruch abgelehnt. Und auch der Landtag war für eine Sanierung. 1,1 Millionen Mark hätten für die Modernisierung bereitgestanden.
Soviel staatliche Einigkeit veranlaßte einen bisher unbescholtenen Bürger zur Sprengung des Gebäudes. "Er war frustriert und verbittert, weil die Behörden sich über den Mehrheitswillen des Dorfes einfach weggesetzt haben", erklärt Pfarrer Köbel. Außerdem habe er nicht eingesehen, soviel Steuergelder nutzlos zu verbauen. Die Motive für die Tat des 60jährigen Mitglieds der Kirchenverwaltung verstehe er.
Die Abrißbefürworter im Dorf unterstützen den Täter aus den eigenen Reihen, der nach seiner Festnahme gegen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Angeblich wollen seine Anhänger sogar Geld für einen Rechtsanwalt sammeln. "Endlich ist der Schandfleck verschwunden", freut sich eine Kirchenanwohnerin. Und eine alte Frau auf der Straße ist stolz, "daß wir es denen da oben gezeigt haben".
"Was in Achsheim passiert ist, ist ein Skandal ersten Ranges", klagt der Vorsitzende des Landesdenkmalrats, Erich Schosser. "Durch diesen barbarischen Akt wurde ein kulturelles Denkmal von überregionaler Bedeutung zerstört." Außerdem zeuge das Verhalten der Bevölkerung von einem "merkwürdigen Demokratieverständnis".
"Der Graben in der Dorfgemeinschaft ist seit dem Ereignis tiefer geworden", gibt der Pfarrer zu. Enttäuschte Abrißgegner hätten sich inzwischen von der Kirche abgewandt, weil die sich vehement für den Neubau eingesetzt hatte. Abrißbefürworter hätten wiederum auf einem Faschingsumzug die Sanierung verunglimpft."
Die Feuerwehr beim
Löschen des zerbombten Pfarrhofs (Foto aus: Schönere Heimat, Erbe und Auftrag,
Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V., 1999/Heft 3 - Titelbild (Original in Farbe))
So sah der alte Pfarrhof 1917 aus (Foto
aus: Martin Wolzmüller: Die "schnelle Lösung" von Achsheim,
Das gesprengte Baudenkmal - ein Zeichen mit weitreichender Wirkung! in:
Die Schönere Heimat, Erbe und Auftrag, Bayerischer Landesverein für
Heimatpflege e.V., 1999/Heft 3):
So schön ist nun das denkmalfreie Achsheim
(Fotonachweis wie vor):
Und auf der kernigen Holzstange steht herzallerliebst in Schönschrift:
"Zu ehren
einen alten Brauch u.
unsrer Ahnen Sitte
Drum haben einen Maibaum
wir gestellt in unsre Mitte
Soll Mahner
sein in schwerer Zeit
u. stärken unser Wollen
Drum unser Wahlspruch
immer sei: Treu bleib
der Väter Scholle"
(Da hofft man, daß die treuherzigen Achsheimer bei soviel maibaumgestärktem Wollen in ihrer Blindheit nach dem Maßstemmen noch den Baum zum Brunzen finden.)
Bei dieser Zerstörung eines christlichen Bauwerks zeigt dann auch die deutsche Gesinnungsjustiz Milde:
Obermain-Tagblatt 5.10.1999
Sanierung durch Sprengung vereitelt
Streit um Pfarrhaus: Geldbuße für Kirchenverwalter
AUGSBURG
Für seine Selbstjustiz im Streit um einen verfallenen Pfarrhof
im schwäbischen Achsheim ist ein Kirchenverwalter zu einer
zweijährigen Bewährungsstrafe und 15000 Mark Geldbuße verurteilt
worden.
Ein Richter im Augsburger Amtsgericht sah es als erwiesen
an, dass der 62-Jährige das leer stehende Haus im Juni mit
Gasflaschen in die Luft jagte, damit es anschließend abgerissen und ein
Neubau errichtet wird.
Als Motiv hatte der Angeklagte Protest gegen die seiner Meinung nach zu
hohen Sanierungskosten des denkmalgeschützten, aber heruntergekommenen
Hauses genannt. Statt einer Renovierung habe die Kirchengemeinde in dem
800-Einwohner-Ort einen Neubau gewünscht, der zudem billiger geworden wäre.
[Einschub K.F.: Wer´s glaubt, wird selig. Seit wann ist denn Neubau in traditioneller Qualitätsbauweise billiger als eine ordentlich geplante und öffentlich ausgeschriebene Bauwerksreparatur, bei der doch schon mindestens ein halber Rohbau steht?
Höchstens ein bald abzureissender "Billigbau" in moderner Barackenbauweise mag billiger sein, aber auch das nur bedingt. Normalerweise wird er ja mit dümmster Technik vom Solarkollektor über Photovoltaik bis zur Zwangslüftung vollgestopft und mit viel - gar nicht so billiger - Kunstharzbeschichtung zugekleistert. Das kostet dann Bomben-Investition, Schimmelprozeß und Dauerwartung ohne jegliche wirtschaftliche Berechtigung. Bauen für Selbstgeißler.]
Die
Diözese Augsburg wollte das 300 Jahre alte Gebäude für rund 1,3 Millionen Mark restaurieren lassen.
In seiner Urteilsbegründung sprach der Richer von "einer Art
Selbstjustiz", die nicht hinzunehmen sei. "Der Angeklagte hatte
es nicht in der Hand, was passieren könnte. Er hat Glück gehabt,
dass nicht mehr passiert ist." Auch sei durch die Explosion hoher
Schaden entstanden. Zu seinen Gunsten habe aber gesprochen, dass er
sich gleich stellte."
Ganz prima, wie sich auch unter Wessis das Soli-Denken verbreitet, wenn es um katholische Laienbewegung geht:
Süddeutsche Zeitung 15.10.1999
"Spenden-Aufruf für Brandstifter
Achsheim (cafu) - Der 62jährige Rentner, der im Juni dieses Jahres den 300 Jahre alten denkmalgeschützten Achsheimer Pfarrhof (Landkreis Augsburg) in die Luft gesprengt hatte und vergangene Woche in Augsburg zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren sowie zu einer Geldbuße verurteilt worden war (die SZ berichtete), kann mit der Hilfe seiner dörflichen Nachbarn und Freunde rechnen.
Da auf den 62-Jährigen nun neben 15.000 Mark Strafe auch noch mehrere 10.000 Mark Schadensersatz für das zerstörte Gebäude zukommen, hat eine neu gegründete Gruppe "Solidarität" - bestehend aus Mitgliedern der Kirchenverwaltung und des Pfarrgemeinderats - um Unterstützung für den Verurteilten gebeten. Der Rentner sagt:" Brauchen kann ich das Geld auf jeden Fall."
Tu felix Austriae: Wie Denkmale in guter Lage warm beseitigt werden: http://www.rettet-die-sofiensaele.at
oder ein rechtswidriger Abbruch im "geschützten" Ensemblebereich der Klimtvilla am 28.6.02
oder ein rechtswidriger Abbruch im "geschützten" Ensemblebereich der Klimtvilla am 28.6.02
Wie und warum staatlicherseits Denkmale zerbombt werden (Hiroshima, Nagasaki, Dresden, Würzburg, Nürnberg, Hamburg, Bremen, Köln, Linz usw. sind hier nicht gemeint, siehe hierzu z. B. folgende traurige Dokumentationen: Beseler, Gutschow: Kriegsschicksale Deutscher Architektur, Verluste - Schäden - Wiederaufbau, Eine Dokumentation für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, 2. reichbeilderte Bände, Karl Wachholtz Verlag Neumünster / Panorama Verlag, Wiesbaden; und: Eckart: Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg, Eine Dokumentation der Schäden und Totalverluste auf dem Gebiet der neuen Bundesländer, 2. reichbeilderte Bände, Henschel Verlag, Berlin / Panorama Verlag Wiesbaden), dazu dieser Link ...
Ab nach Kassel - Verhunzung oder Fortschreibung eines Baudenkmals - Sie entscheiden: Planungen für das Karlshospital in der Kasseller Innenstadt
Wie verramsche ich ein Denkmal bzw. wie werde ich ein bewegliches Denkmal los?
Nach dem Auktionieren der Kulturobjekte des Herzogs von Baden 1998, der staatlich geförderten Verramschung Thurn-und -Taxis´scher Kunstschätze 1999 in Regensburg nun die Fürstenbergische Hofbibliothek in Donaueschingen als vorbildliches Beispiel:
Süddeutsche Zeitung 30.7.1999
"Leuchtendes Vorbild Bayern
Fürstlich verramscht / SZ vom 16. Juli
120.000 der 130.000 Bücher der Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschingen werden ausgeräumt und ins Ausland verbracht - und niemanden stört das.
[Leserbrief]
Der Artikel verweist auf Defizite, die in Baden-Württemberg schon
ungute Tradition haben. Hier sei nur auf die Verschleuderung der Kunstwerke
aus dem Besitz des Hauses Baden verwiesen, als der damals zuständige
Minister die Übernahme des gesamten ihm angebotenen Schatzes mit Bemerkungen
wie "Fürstennippes" oder "Keine Mark dem Markgrafen" ablehnte, danach aber für einen Bruchteil der versteigerten
Werke ein Mehrfaches aufwendete.
Daß in Bayern das Kultusministerium in allen vergleichbaren Fällen eine glücklichere Hand bewies, zeigte sich bei der Übernahme der Fürstlich Öttingenschen Bibliothek oder bei den Kunstwerken aus dem fürstlichen Hause Thurn und Taxis, welche in Regensburg ihre Heimat gefunden haben.
Vielleicht wäre dies auch ein reizvolles Aufgabengebiet für den Kultur-Staatsminister im Bundeskanzleramt, Michael Naumann, in Fällen offenkundiger Überforderung einzelner Bundesländer tätig zu werden. Die so dem Land erhaltenen Kunstwerke könnten dann ja in den Berliner Museen verwahrt werden, womit gleichermaßen die ungeliebten Süddeutschen beschämt und der Rang der neuen Hauptstadt erhöht werden könnte. ... Horst Iberl, Bernhardswald"
Falsch ist die ungerechtfertigte Inschutznahme Bayerns - man denke nur an den Ausverkauf (und späteren teuren Wiedererwerb) von Schloß und Inventar Seehof, ehemalige Sommerresidenz der Bamberger Fürstbischöfe.
Zur Kostenproblematik - Obermain-Tagblatt 7.8.99:
"Verzicht: Nach Baden-Württemberg hat auch Bayern von einem Kauf der wertvollen Nibelungenhandschrift aus dem Haus Fürstenberg Abstand genommen. Zweifellos sei die Handschrift ein Denkmal ersten Ranges erklärte das bayerische Kunstministerium gestern auf Anfrage. Doch scheiterte ein Ankauf an den Kosten, die 20 bis 25 Millionen Mark betragen."
Darf man aus diesem Umgang mit einem beweglichen Denkmal folgern, daß auch Baudenkmale "ersten Ranges" (römische Thermen X, Basilika Y, Rathaus Z) z.B.an ein amerikanisches oder japanisches Freilichtmuseum derartige Kulturgüter sang- und klanglos bzw. straffrei außer Landes verhökert werden dürfen?
Eine neue Entwicklung kündigt sich (9/99) an. Der bayerische Kultusminister sucht Sponsoren und die Kulturstiftung der Länder will vermitteln. Mal sehen, ob´s was bringt.
Und dann der Abschluß des Gezerres um den machbarsten Preis - SZ 3.3.01:
"Nibelungenlied gekauft
Handschrift bleibt im Lande
Die Donaueschinger Handschrift des Nibelungenliedes ist vom Haus Fürstenberg an das Land Baden-Württemberg verkauft worden. ... Die Donaueschinger Handschrift C des Nibelungenliedes steht auf der Liste gesetzlich geschützter Kulturgüter und darf daher nicht ins Ausland verkauft werden. ...dpa"
Weitere Nachrichten zum Fall Donaueschingen.
Wie der Herr, so's Gescherr? Die SZ kommentiert den nun anstehenden Ausverkauf mittelalterliche Handschriften zur möglichst unbehinderten Weiterfinanzierung des staatlichen Lotterlebens am 29.9.06 so: "Oettinger ist heute - in diesem Zusammenhang muss man sagen: leider - Ministerpräsident von Baden Württemberg. ... Um den Markgrafen von Baden respektive die Sanierung dessen Salemer Schlosses zu finanzieren, will Oettinger (wichtige Teile der Landesbibliothek) versteigern lassen. (Die Sammlung) wird von einem emporgekommenen Provinzpolitiker versilbert. ... Dies entlarvt alles, was Oettinger (bisher) zu Kultur und Leitkultur gesagt hat, als heuchlerisches Gelaber. ... kk" Ja, verhökern was das Zeug hält, Schalk-Goldkowski in der unseligen Täterä hat einst vorgemacht, zu was ein bankrottierender "Staat" alles fähig macht. Wer wird wohl dereinst unseren Klumpatsch übernehmen? Die Schweiz vielleicht? Die Schwarzgeldkassen unserer Guten Hirten sind ja schon dort ...
In Polen macht man uns vor, wie man wertvollste deutsche Bücher aus der Kriegsbeute an den Mann bringt. Einer Meldung des Obermain-Tagblatts vom 15.10.1999 zufolge werden die Zimelien aus der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek gestohlen und kommen dann auf gewohnten Wegen in die westlichen Auktionshäuser:
"Ein Kopernikus für 1,5 Millionen
Gestohlenes Buch aus Polen bei Sotheby´s aufgetaucht [...]"
Einen der Bücherdiebe hat die Polizei lt. Meldung vom 20.10.1999 in Krakau gefunden - einen 29jährigen bulgarischen Studenten. In seiner Bude fand man noch "mehr als 60 Bücher und Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert [...] außerdem 150 historische Landkarten, die aus den Büchern der Bibliothek herausgerissen waren.[...]"
Weitersuchen!
Auch in deutschen Kirchenarchiven haben alte Schmöker keinen rechten Platz mehr, sobald man sie verramschen kann:
Süddeutsche Zeitung 22.10.1999:
"Wem gehört die Bibel?
Schleswig-Holsteins Kulturministerin Ute Erdsiek-Rave hat sich gegen den Verkauf der vor drei Jahren in Rendsburg entdeckten Gutenberg-Bibel ausgesprochen - die Bibel, die das Hamburger Antiquariat Dr. Jörn Günther in seiner neuen Ausstellung von Neuerwerbungen zeigt. 1998 hatte das Ministerium die Bibel in das "Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturguts" eintragen lassen. Gegen die Registrierung durch das Bundesinnenministerium legte die evangelische Marien-Kirche-Gemeinde in Rendsburg als Eigentümerin der Bibel Beschwerde ein.
[Einschub: Gottseidank hat man nicht das liebe Jesukindlein dort gefunden. Das wäre wahrscheinlich einem islamischen Teppichhändler gleich unter der Hand verhöckert worden. Nicht nur dem marx´schen "Kapital" begegnete man sicher mit mehr Erfurcht. Daß der Nietzsche mit seiner "Entwertung aller Werte" (Der Wille zur Macht) dermaßen recht behalten sollte, stimmt doch etwas traurig...]
Ein beliebter Trick zur Zerstörung von Baudenkmalen ist die Argumentation mit übergeordneten Nutzungszielen wie Arbeitsplätze oder höherwertige Kulturrelevanz. Ein besonders heikles Beispiel für den Gebrauch von Religion und Bildung in diesem Spiel bringt der Evangelische Pressedienst epd in der Süddeutschen Zeitung am 28.1.2000:
"Streit in Jerusalem um Kreuzfahrerkirche
Jerusalem (KNA/epd) - Auf scharfe Kirchenkritik sind Umbaupläne für eine Kreuzfahrerruine in der Jerusalemer Altstadt zu einer jüdischen Lehrstätte gestoßen. Die jüdische Hochschule "Feuer der Tora" will die 1968 ausgegrabenen Reste der Kreuzfahrerkirche "St. Maria Alemannorum" im jüdischen Viertel der Altstadt zu einem Hospiz für Talmudstudenten ausbauen. Sie pachtete bereits das Gelände, auf dem nach der Überlieferung der Prozess Jesu vor Pilatus stattfand, von der staatlichen Verwaltungsgesellschaft für den Wiederaufbau des jüdischen Viertels für 49 Jahre. ... Der Sprecher des israelischen Religionsministeriums, Uri Mor, sagte, die Regierung erwäge die Anrufung des Obersten Gerichtshofs, um den Pachtvertrag für das beliebte christliche Pilgerzentrum für ungültig erklären zu lassen."
Was aber, wenn der Prozeß Jesu vor Pilatus gar nicht in Jerusalem, sondern in Rom stattfand? Lesen Sie weiter bei Francesco Carotta: War Jesus Cäsar?
Ebenso tauglich als wunderbares Beispiel für guldurälle Zerrnutzung:
aus: www.denkmalpfleger.de/Aktuelles.htm
"Bachhaus Eisenach
10.10.00
Das Ensemble des Bachhauses Eisenach, bestehend aus dem eigentlichen "Bachhaus" und weiteren Bauten des Quartiers am Eisenacher Frauenberg, wird zu drei Vierteln abgebrochen. Das zeigten die gestern in Eisenach präsentierten Pläne des "renommierten Architekturbüros" (Zitat amt. Landeskonservatorin Sabine Ortmann) [...] aus [...]. Die Stadt Eisenach hatte, nachdem das Projekt vom örtlichen Denkmalpflegeverein mehrfach scharf kritisiert worden war, zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Nachdem heute der Presse zu entnehmen war, daß das Rathaus bereits am gestrigen Mittag bekanntgegeben hatte, die Abrißbagger würden am 11.10.00 ihr Werk verrichten, kann man die Veranstaltung getrost als Farce bezeichnen.
Herr Dr. Oefner hatte zunächst mit zu Tränen rührender Stimme die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen für die Mitarbeiter des Bachhauses dargestellt, die eine Neubaulösung fast schon allein erzwängen.
Herr [...] stellte das Konzept vor und legte dar, daß sich ihre ersten Überlegungen anhand der Nutzervorgaben von der Sanierung im Bestand zum nahezu vollständigen Neubau gewandelt hätten. Lediglich die Steinfassaden der Häuser Frauenplan 23 und 19 blieben bestehen, für die 21a wäre das nicht möglich, da das Gebäude ein verputzter Fachwerkbau sei. Eine im Verband stehende Fachwerkfassade getrennt vom eh. Fachwerkverband zu erhalten, könne sein Büro nicht vertreten. Vertretbar wäre dies allerdings bei einer Steinfassade. Herr [...] äußerte seine Verwunderung, daß die Bürger in Eisenach gegen das Vorhaben so vehement protestierten.
Seitens des Landesamtes für Denkmalpflege wurde die gefundene Lösung als "Kompromiß" bezeichnet. Es fragt sich, wo der Kompromiß liegen soll. Was könnte man noch mehr abreißen? Das Bachhaus des 16. Jahrhunderts? Die Denkmalbehörden hätten den Planungsprozeß begleitet, ein "renommiertes" Bauforschungsbüro hätte festgestellt, daß die benachbarte Bebauung allein für sich keinen Denkmalwert habe.
Frau Domizlaff, bis 1990 selbst Direktorin des Bachhauses, äußerte ihr völliges Unverständnis über das Vorhaben. Zu DDR-Zeiten wären weit geringere Eingriffe in die Bauten aus denkmalpflegerischen Gründen nicht denkbar gewesen. Nachdem sich die Lage des Denkmalschutzes doch heute verbessert hätte, könne sie nicht nachvollziehen, wieso man heute seitens der Denkmalbehörden zulassen könne, was damals verboten war.
Christoph Schwarzkopf stellte als ehemaliger Mitarbeiter des Landesamtes zwar ironisch fest, daß juristisch nach Denkmalschutzgesetz alles in bester Ordnung sei, da die Stadt Eisenach als Untere Denkmalschutzbehörde und das Landesamt einvernehmlich dem Abbruch zugestimmt hätten. Jedoch wäre die denkmalpflegerisch getroffene Entscheidung schlicht falsch, wogegen es nach seiner Kenntnis allerdings kein Rechtsmittel gäbe. Er zollte den Kollegen Architekten Respekt für deren Leistung bei der Umsetzung der Vorgaben der Bauherrschaft, und sah in deren Aufgabenstellung die eigentliche Ursache für den bevorstehenden Abbruch. Das Konzept müsse geändert werden; daß das jetzt noch jemand tun würde, glaube er angesichts des Planungsstandes jedoch auch nicht. Fassadenkosmetik könne hier nichts richten, meinte er mit Blick auf die amtlichen Denkmalpfleger, die dargelegt hatten, daß das letzte Wort zum Neubau noch nicht gesprochen sei.
Herr Prof. Petzold von der Neuen Bachgesellschaft aus Leipzig stellte unter Bezug auf die Fragen zum Konzept fest, daß es nur ein Vorwärts, aber kein Zurück geben könne. Der Verfasser fühlte sich an Honeckers letzte Zeit erinnert, der da einmal sagte: "Vorwärts immer, Rückwärts nimmer".
Ganz persönlich und zum Schluß: Ich bin betroffen, wie hier der Anschein erweckt werden soll, die Sache wäre transparent, erst recht dann, wenn, wie oben gesagt, morgen die Abrißbagger ihr Werk tun. Der Zeitgeist (oder mainstream) bricht sich wieder Bahn. Mit amtlichem Segen.
Christoph Schwarzkopf
Süddeutsche Zeitung 22.10.1999:
"Der
Moritzburger Schatz
Sotheby´s versteigert
das Familiensilber des Hauses Wettin
Auch Könige brauchen Geld - und gewesene Königshäuser schon gar. Und so kommt jetzt der Moritzburger Schatz unter den Auktionshammer. Für den 17. Dezember hat Sotheby´s die Versteigerung von Silber, Münzen und Preziosen aus dem Haus der sächsischen Wettiner angekündigt. Es handelt sich um Teile jenes Schatzes, den Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, der jüngste Sohn des letzten sächsischen Königs, im Februar 1945 aus Furcht vor den heranrückenden Russen in einem Waldstück bei Schloss Moritzburg vergraben ließ: drei Kisten mit den wertvollsten Familienstücken aus der früheren Hofsilberkammer von August dem Starken.
Geborgen wurde das Moritzburger Silber vor drei Jahren von zwei Schatzsuchern, die, als sie bei der genaueren Betrachtung ihres Fundes das Wettiner Wappen entdeckten, sich an den Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden wandten. Dann aber, nach der glücklichen Bergung, begann erst einmal ein Streit um die Eigentumsrechte; das Haus Wettin machte Ansprüche auf die in öffentlichen Museen und in Schloss Moritzburg befindlichen, einst königlich-sächsischen Kunstwerke geltend.
Anfang dieses Jahres kam es zur Einigung zwischen dem Land Sachsen und dem Hause Wettin. Danach wurde ein beachtlicher Teil des Schatzes zur Veräußerung freigegeben... Man hätte auch einige der jetzt zur Versteigerung gegebenen Objekte gerne in Sachsen behalten, aber dazu fehlte es dem Freistaat an Mitteln.
[Einschub: Und die Hofkamarilla rund um König Kurt und seine verspekulierfreudige Sächsische Landesbank war eben nicht bereit, um des Vorzeigens in öffentlichen Gewölben willen auf auch nur einen Taler ihres üppigen Diätensalärs zu verzichten. Regieren ja, abzwacken nein. Wo kämen wir denn da hin?]
Kommentar: Wenn Sie es interessiert, wie man heutige Majestäten gnädig stimmt, bitteschön!
Wer sich nun auch als Schatzsucher versuchen möchte, bitte, hier erfährt man wirklich ALLES darüber: Schatzsucher.de
Wenn Sie Ramsch lieber ohne sich schmutzig machen zu müssen kaufen oder verkaufen: Hier einige einschlägige Adressen: Kunsthandel/Auktionen online
Und wenn Sie dann noch die passende Burgen-/Schlösser-Immobilie suchen: Hier!
Auch Innenminister können sich der Aufgabe stellen, Denkmal(dach)landschaften zu verhunzen. Wenn´s nur dem braven Bürger/Investor hilft:
Süddeutsche Zeitung 7.8.1999
"Beckstein attackiert Dachgauben-Urteil
Beckstein kämpft weiter für Dachgauben: Bayerns Innenminister will sich nicht durch Lokalbaukommission und durch einen verlorenen Gerichtsprozess davon abbringen lassen, dass Baubehörden Dachgauben gegenüber toleranter sein sollten. Deshalb möchte er ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zu Fall bringen, der zwei Münchner Dachgauben als "gegen die anerkannten Regeln der Baukunst verstoßend" bewertet hatte. Bevor Beckstein aber beim Bundesverwaltungsgericht Revision einlegen kann, muss er das sogenannte Nichtzulassungsbeschwerdeverfahren gewinnen. Mit einer schnellen Entscheidung ist also nicht zu rechnen. ... emj"
Wie benutzt man Denkmale und Architekturkritik als Stoff für eine Polit-Glosse?
Süddeutsche Zeitung 19.2.2000
"Ortswechsel
Wo Hessen
regieren
Viele versuchen, in Wiesbaden älter zu werden und hüten ihr glänzendes Vorabendlächeln. Die Sanatoriumsruhe täuscht darüber hinweg, daß sich die Vergangenheit zwar architektonisch behauptet, doch innerlich welkt. Der Stilwille des Wilhelminismus hat in Wiesbaden soviel Schaum geschlagen, daß ein fett sprießender Krokus Gefahr läuft, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.
Dieses hessische Bühnenbild, das auf 27 heißen Quellen sitzt, gibt sich eine Aura, als sei es niemals vom Schmutz der Welt und ihrer Geschäfte befleckt worden. Testamentsvollstrecker agieren lautlos hinter Tympana und Karyatiden und warten auf das Ableben alter Damen beim Bridge. Wiesbaden zerstäubt den Spott, den das Personal der jeweiligen Landesregierungen ansammelt, als sei da nie etwas außer Müßiggang gewesen. Wiesbaden ist von allen Regierungssitzen der unrealistische Brennpunkt der Politik. Dennoch paßt in Dostojewskis "Spieler"-Kulisse das Roulette jahrelang praktizierter Geldverschiebung.
Wiesbaden ist der prächtigste Zahn im Rhein-Main-Gebiet. Er ist kosmetisch einwandfrei konserviert, aber umzingelt. Von Dörfern, die sich an den Ausläufern breit gemacht haben, von einer Phalanx von Betoninfernos, Autobahnen, Zubringern, autobahnähnlichen Trassen und Behelfsdörfern mit furchterregenden Sparkassengebäuden im Zentrum. Die westliche Seite besetzt die Rheinweinindustrie mit ihrem MM- und Söhnlein-Sekt-Pathos und den krimireifen Winzerdramen von Schloß Vollrads, die östliche der Frankfurter Spinne.
[...]
In Berlin rennen sich Schriftsteller, Dokumentaristen gegenseitig über den Haufen. Wiesbaden, Regierungssitz seit 1946, dessen verderblicher Anziehungskraft Dostojewski zweimal erlag, bietet Stoff für Fortsetzungsromane. Weil alles geisterhaft geweißelt und gewissenhaft aufgeräumt ist, sah, bis der Waffenhändler Schreiber sprach, und ein Prinz seine Rolle lückenlos aufsagte, kaum jemand hier hin. VERENA AUFFERMANN"
Leserbrief als Reaktion auf einen offenen Beschwerdebrief eines bauwilligen Ehepaars, das vor seine EFH-Parodie überraschenderweise ein mehrgeschossiges Mehrfamilienwohnhaus als Nachbarn erhält und dies als öffentliche Verschandelung brandmarkt (abgedruckt am 23.3.2000 im Obermain-Tagblatt Lichtenfels):
"Betr.: OT 21.3.2000 Jutta und Toni Stark: "Das ganze Baugebiet wird verschandelt", Thema: Baugebiet Berglein
Negativ-Denkmale im Baugebiet - ein Nachgesang
Danke, Herr und Frau Stark, das war echt stark! Sie haben ein heißes Eisen angefaßt - die Verschandelung unserer fränkischen Heimat durch Neubauten - "Negativ-Denkmale" nach Ihren treffenden Worten. Was sich seit der Nachkriegszeit in einfallslose Baugebietspläne wie aus dem Tintenfaß der Kloakenkonstrukteure ergießt, ist nicht nur eine optische Umweltverschmutzung. Amtlich genehmigter Ent- besser: Auswurf von billigzeichnenden Flickschustern, Konstruktion aus gelackten Ersatzbaustoffen, grobgeschnitzter Jodelstil und bogendurchfensterte Fassadenwarze (Erker), ansteckendes Gaupengeschwür und eine verzwergte Vorgartenbefroschung, deren Artenreichtum den Tropenwald übertrifft - das Wort 'Verschandelung' greift hier eigentlich zu kurz.
Baumarkt- und schwarzarbeitgestütztes 'Schöner Thronen' anstelle anständiger Baugesittung, die sich dem Ganzen landschaftsgerecht unterzuordnen vermag oder im Falle öffentlicher Repräsentation echte Baukunst hervorbrachte - jedes unserer Neubaugebiete könnte einem Dieter Wieland als Kabinett des Schreckens dienen. Deren rituelle Bejubelung in der jährlichen Kärwa-Ankündigung ist eine ländliche Satire, vor deren Genuß die Einnahme von Reisetabletten zumindest nicht schadet. Daß der Bauwahn nicht selten in den familiären, wirtschaftlichen und auch technischen Ruin führt, vermag mit dieser Ballermann-'Kultur' nur wenig zu versöhnen, oder?
Und so erwürgt die Neubauschande unser schönes Franken immer weiter, das einst so wunderbare Ortsbilder wie das historische Marktzeuln hervorbrachte. Was lehrt uns der Sonntagsspaziergang durchs alte und durch das neue Markzeuln, Lichtenfels, Bamberg, ...? Ist es für uns moderne Menschen wirklich aussichtslos, aus der Baugesinnung vergangener Zeiten Zukunft zu gewinnen?
Dipl.-Ing.
Konrad Fischer
Architekt BYAK
Hochstadt a. Main"
Aktuelle Kritik an der Denkmalpflege - Diskussion in Nachfolge der Hoffmann-Axthelm-Debatte
Eckart Rüsch, Stadtdenkmalpfleger in Hannover, schreibt in der F.A.Z. Nr. 182 vom 08.08.2000, S.48 (Feuilleton):
"Unter
Verdacht
Wieviel
Denkmalschutz darf es sein?
Die von Dieter Hoffmann-Axthelm aufgeworfene Frage, ob die Denkmalpflege „entstaatlicht“ werden könne, hat ein enormes Echo gefunden. In allen Medien wird das Gutachten des Berliner Publizisten diskutiert, das von der kulturpolitischen Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Antje Vollmer, an den Denkmalbehörden vorbei in den politischen Raum lanciert wurde. Hoffmann-Axthelms verallgemeinernde Thesen sind dabei überwiegend auf Ablehnung gestoßen. Sieht man einmal von dem auch Selbstkritik andeutenden Beitrag des Denkmalpflegers Jörg Haspel (F.A.Z. vom 17. Juni) ab, so geißeln die meisten Kritiker die „Barbarei“ des Gutachtens, das eine Einschränkung des Denkmalschutzes auf allseits geschätzte „schöne“ Denkmäler, auf Gebäude in öffentlichem Besitz und auf Bauten aus der Zeit vor der Industrialisierung propagiert. Staatlicher Denkmalschutz solle sich zurückziehen, um einem dezentralen, bürgerschaftlichen Engagement Platz zu machen. In der Konsequenz würde Hoffmann-Axthelm Denkmalverluste hinnehmen, wenn die freiwillige Verantwortung versagt.
Die Aufregung über das Gutachten zeigt, daß wunde Punkte berührt wurden. Allein: es ist keine Debatte, die da begonnen hat, es ist ein Entrüstungssturm losgebrochen. Natürlich ist manches richtig, was Hoffmann-Axthelms entgegengehalten wird, insbesondere der Hinweis auf die fatalen Folgen einer Entlassung des Denkmalschutzes aus staatlicher Aufsicht. Interessanter aber noch ist Hoffmann-Axthelms Analyse gegenwärtiger Denkmalpflegepraxis, die einen tatsächlichen Reformbedarf zeigt.
Wer des Gutachters Mißverständnisse – oder waren es doch Provokationen? – ausblendet, dem begegnen Zweifel, die so manchen Denkmalpfleger plagen. Gerade unter den jüngeren Kollegen scheint es zu gären, und zwar nicht erst seit dem provokanten Gutachten. Das hat mehrere Ursachen.
Die Vervielfachung des Denkmalbestands erdrückt Denkmalschutz und Denkmalpfleger im Arbeitsalltag: Immer mehr Denkmäler müssen von immer weniger Denkmalschützern betreut werden, wofür immer weniger Geld bereit steht. Zwei Faktoren treiben diese Entwicklung unheilvoll voran: Einerseits schreiben die auf Vollständigkeit hin arbeitenden Denkmalpfleger (genauer: die Inventarisatoren) immer mehr Denkmäler fest.
Und andererseits drehen ihnen die öffentlichen Haushalte den Geldhahn zum Erhalt dieser Denkmäler zu. Gegenwärtig steht ein Generationenwechsel bevor. Es tritt die Generation derer ab, die in den siebziger Jahren die Einführung der Länder-Denkmalschutzgesetze bewirkte und für die enorme Aufweitung des Denkmalbegriffs sorgte. Die Jüngeren sehen zunehmend Unzulänglichkeiten des damals Erstritteten und ahnen, daß die heutigen (wohl unumkehrbaren) Rahmenbedingungen auch zu einer anderen Denkmalpflege führen werden. Im Folgenden seien vier Bereiche einer notwendigen Reform aufgezeigt.
Ein Hauptproblem aktueller Denkmalpflege-Akzeptanz ist der Zustand der Denkmallisten. Schon wird verschiedentlich deren „Schließung“ verlangt, da die Masse der Denkmäler nicht mehr überschaut und angemessen gepflegt werden kann. Statt die Listen stetig zu ergänzen, sollte der Bestand durchforstet werden. Eine solche Revision hätten mancherlei Vorteil. Es würden Objekte aussortiert, die bei den Schnellinventarisationen in den siebziger Jahren unter hohem Zeitdruck und nach nur flüchtiger Außenbesichtigung zu Unrecht auf die Listen kamen. Entlassen werden könnten auch jene „Leichen“, die durch Teilerneuerungen und Veränderungen ihren Zeugniswert verloren haben. Die Bestandsdurchforstung beruht übrigens auch auf erkenntnistheoretischer Notwendigkeit. Denn wenn man anerkennt, daß Denkmalerkenntnis grundsätzlich zeitgebunden ist und Denkmalschutz im öffentlichen Interesse legitimiert werden muß, dann wäre spätestens nach einer Generation die Frage neu zu stellen, was aus welchem Grund in die Denkmalliste gehört. Allerdings müßte bei einer Revision auch die Frage nach den Auswahlkriterien neu gestellt werden. Vielleicht müssen Denkmäler künftig strengere Kriterien an Besonderheit, Aussagekraft und originaler Vollständigkeit erfüllen. Bei der erneuten Durchsicht könnten darüber hinaus neue Kategorien eingeführt werden, die den Denkmalen gegenüber mehr Gerechtigkeit und in der praktischen Denkmalpflege mehr Klarheit schaffen würden. Ein entscheidendes Stichwort wäre eine Denkmal-Klassifizierung, beispielsweise die für bestimmte Denkmalgattungen nützliche Unterscheidung von Substanz- und Erscheinungsbildschutz. Denkmalschutz bedeutet stets einen Eingriff in die freie Verfügbarkeit des Eigentums, der in jedem Einzelfall legitimiert werden müsste. Das mittlerweile selten gewordene konstitutive Eintragungsverfahren bietet Gewähr dafür, daß juristisch nachprüfbar abgewogen wird und jeder Denkmaleigentümer eine genaue Beschreibung seines Denkmals mit konkret begründeten Schutzgegenständen in Händen halten kann. Es gibt aber leider immer mehr Bundesländer, die sich zum deklaratorischen Eintragungsverfahren entschließen, bei dem nur informelle Denkmalverdachts-Listen geführt werden. Das vereinfacht zwar die Verwaltung der Inventarisation, ignoriert aber die Beweispflicht und wälzt die Probleme auf die Denkmalpflegepraxis und die Eigentümer ab.
Wer Denkmalpflegern aufmerksam zuhört, erlebt immer wieder deren große Unsicherheit über die eigenen Methoden. Das beginnt mit einer verworrenen Terminologie. Meinen die verschiedenen Begriffe Sanierung, Instandsetzung, Renovierung, Restaurierung, Wiederherstellung et cetera alle dasselbe oder gibt es differenzierte Umgangsweisen mit Denkmälern? Und wodurch beispielsweise unterscheidet sich eine „Rekonstruktion“ ostdeutscher Lesart von einer westdeutschen „Rekonstruktion“? Zusätzlich Verwirrung stiften die verschiedenen Denkmalgattungen (Baudenkmalpflege, Gartendenkmalpflege, städtebauliche Denkmalpflege), die von verschiedenen Originalbegriffen ausgehen und daher auch unterschiedliche Methodenbegriffe entwickelt haben. Solange es kein verläßliches Vokabular gibt, wird die Denkmalpflege in der Öffentlichkeit immer wieder mißverstanden werden. Noch schwerer wiegt der Verdacht, daß das Fehlen einer gemeinsamen Sprache letztlich auf der Theorielosigkeit der gesamten Denkmalpflege-Disziplin beruht. Weder liegt bisher eine vollständige Fachgeschichte vor, noch sind einheitliche Bewertungs- und Anwendungskriterien für die Denkmäler erarbeitet worden. Der willkürliche Satz „Jeder Fall ist anders und muß anders behandelt werden“, ist ein allzu gern bemühtes Alibi.
Denkmalpflege ist nicht gleich Denkmalpflege. Trotz aller Unterschiedlichkeiten der sechzehn deutschen Denkmalschutzgesetze hat die staatliche Denkmalpflege nahezu überall weitreichende Kompetenzen an die Kommungen und Landkreise abgegeben. Da sich aber der Staat durchweg Kontrollfunktionen vorbehält, entstand ein vielschichtiges Kompetenzengeflecht: Zunächst gibt es die eigentlich vollziehenden Unteren Denkmalschutzbehörden in den Städten, Gemeinden oder Landkreisen, dann die für die Fachaufsicht und Sonderaufgaben zuständigen Oberen Denkmalschutzbehörden und schließlich die ministeriellen Obersten Denkmalschutzbehörden. Daneben wirken in fachlichen Fragen die unabhängigen Landesämter für Denkmalpflege mit; nicht zu vergessen diverse institutionalisierte „Denkmalbeiräte“ und „Beauftragte für Denkmalpflege“. In einigen Bundesländern wird das Bild noch bunter, indem autarke Kirchenbehörden und Schlösserverwaltungen ihre eigene Denkmalpflege betreiben dürfen. Daß diese Zersplitterung unterschiedliche Standards und Doppelzuständigkeiten zur Folge hat und nicht zuletzt zeitraubende Abstimmungsverfahren erzwingt, ist offenkundig. Die in Deutschland veröffentlichten Denkmalpflege-Fachzeitschriften bescheiden sich allzu oft in der Mitteilung baugeschichtlicher Entdeckungen. Die „Tage des offenen Denkmals“ sind events, die kaum mehr als eine natürliche Neugier befriedigen. Solche Aktivitäten der Denkmalbehörden haben ihre Berechtigung, um Sympathiewerte zu erreichen. Sie bleiben nur merkwürdig inhaltsleer. Wo werden die grundlegenden Fragen beantwortet:
Wozu eigentlich Denkmalpflege?
Was zeichnet die originale Bausubstanz aus?
Welchen Erkenntnisnutzen kann der Einzelne aus Denkmalen ziehen?
Ist die Denkmalpflege eine Geheimwissenschaft oder gibt es allgemeinverständliche Maßstäbe?
Das oft beklagte Vermittlungsproblem denkmalpflegerischer Anliegen hat seine Ursache wohl letztlich darin, daß eine Theorie der Denkmalpflege fehlt. Die Denkmalpfleger könnten sich aber mindestens um jeden betroffenen Denkmaleigentümer bemühen. Jedem Einzelnen könnte ein umfangreiches Dossier zur Bau- und Nutzungsgeschichte übergeben werden, das den besonderen Wert des jeweiligen Baus dokumentiert. Das würde ihn überzeugen, daß Denkmalschutzbehörden nicht ohne Sorgfalt und Sachkenntnis intervenieren.
Hinter allen Reformvorhaben aber steht die Grundfrage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz: Wie viele Denkmäler will sich die Gesellschaft leisten? Hoffmann-Axthelms Gutachten war bewußt nicht an die Denkmalpfleger gerichtet, sondern an die Politik. Hier wie dort muß eine Debatte in Gang kommen, die den geänderten Bedingungen Rechnung trägt. Eines sollte jedoch bei jeder Reform des Denkmalschutzes beachtet werden: Vereinfachungen der Organisation oder ein Zusammenstreichen des Denkmalbestandes legitimieren keinen Personal- und Mittelabbau; im Gegenteil. Es bleibt viel zu tun, um eine sorgfältige Denkmalauswahl und Denkmalbetreuung zu gewährleisten.
Anmerkung KF: Was zur Denkmalbetreung aus praktischer Sicht noch nachzutragen ist: Die Vergabe von Planungs- und Bauaufträgen im Denkmalbereich und deren praktischen Ergebnisse zeigen, daß dabei zwei Prinzipien überwiegen: "Saving the penny and losing the pound" sowie "Eine Hand wäscht die andere". Mit den hier durchaus sinnvollen Reglementierungen mittels HOAI und VOB hat das jedenfalls nichts zu tun. Und das ist vielen Beteiligten bis in die höchsten Amtsränge durchaus bewußt. Im Klartext: Denkmal- bzw. Substanzzerstörung und die daraus resultierenden Kostenexplosionen werden billigend in Kauf genommen. HOAI-gerechte Planungsangebote werden durch staatlich vermittelte Unterbieter ausgehebelt. Sogar die VOF wird dazu benutzt. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Es gibt Gegenbeispiele. Doch: wie viele mögen es sein?
Logische Folge der denkmalpflegerischen Selbstzerstörung und des Mittelmißbrauchs mangels Ethik? SZ 19.3.04:
"Steil
abwärts
Wie die Landesdenkmalpflege
bundesweit entmachtet wird
... Der (bayerische) Denkmalrat bilanziert, dass die operativen Mittel für die Baudenkmalpflege seit 1990 von 42 Millionen Mark auf 7 Millionen Euro gesunken sind. Jetzt werden nur noch 4,4 Millionen angesetzt - für 123 000 Denkmäler in Bayern. ...
Gravierend sind auch die geplanten Personaleinsparungen. Das Landesamt für Denkmalpflege muss bis zum Jahr 2008 zehn Prozent der ausgewiesenen Stellen streichen. ... Damit konterkariert die Regierung ihre eigenen Forderungen nach einer effektiven, baufristengerechten und kundenorientierten Denkmalpflege. ...
Gern wird gesagt, die bayerische Denkmalpflege könne noch froh sein, weil ihr Landesamt noch nicht ganz aufgelöst sei. In Baden-Württemberg wird dieses Modell nämlich gerade im Zuge einer allgemeinen Verwaltungsreform umgesetzt, mit teilweise undurchschaubaren und unpraktikablen Ämterstrukturen. Die unabhängige Fachbehörde ist abgeschafft, die Gebietsreferenten sind den alten Regierungspräsidien zugewiesen. ...
Konfusion statt Klarheit wird die Folge sein, der Verwaltungsaufwand wird größer werden, die Kommunikation aber schwieriger. Die Ersparnisse der Reform sind also höchst zweifelhaft, die Denkmalpflege aber wird so bedeutungslos, wie es sich viele Bürgermeister immer gewünscht haben. ...
Kürzungen beim Personal, Einsparung von Außenstellen, fehlende Haushaltsmittel - wir bekommen genau die Denkmalpflege, die Hoffmann-Axthelm vor drei Jahren verteufelt. hat: eine bürgerferne, willkürliche und restlos überforderte. ...IRA MAZZONI"
Nachdem theoretische Kritik an der Denkmalpflege heute Konjunktur hat, hier auch ein paar freundliche Worte aus der Praxis:
1. Denkmalpflege anstelle Abruch und zerstörender Eingriff ist meistens die wirtschaftlichste Variante. Je weniger man baut, umso billiger. Wenn Denkmalpflege überteuer wird, stehen oft administrative, planerische und technische Fehler dahinter, die man sich sparen könnte. Und oft bietet der Denkmalbestand ein Baurecht und eine Flächenausnutzung, die mit dem Neubau nie erreichbar wäre.
2. Die behutsame Ergänzung fehlender Partien sowie der schonende Einbau moderner Haustechnik kostet weniger als das normgerechte Umkrempeln des Bauwerks im Neubaustil.
3. Der Denkmalbestand ist regelmäßig wohngesunder, da die Bauwerksvergiftung meist erst durch "Saniermaßnahmen" der Nachkriegszeit einsetzt.
4. Es lohnt sich, das Denkmal von den technisch minderwertigen und oft wohnklimatisch nachteiligen Zutaten bzw. bauphysikalisch schädigenden Schichtbildnern der Nachkriegszeit zu befreien. Man kann so ein qualitätsvolles Bauwerk bekommen, das aktuellen Verirrungen der Baukonstruktion und Architektur überlegen ist.
5. Auch gestalterisch ist ein altes Haus meist ansprechender als die architektonische "Leistung" irgendwelcher "Modernen". Wer kennt nicht den Charme eines Bauernhäusls, einer Jugendstilvilla oder eines Siedlungshauses im reduzierten Heimatstil? Vom Historismus und seinen Stilvorgängern ganz zu schweigen. Modern dogmatische Architektur beweihräuchert sich mit (inzwischen dekonstruktivistisch zerstörter oder immer noch bauhäuslerisch abgestrapster) Form und Technik, der wohnende Mensch verkommt zum Popanz.
Themenlink: The Architecture Hate Page - Welcome!
6. Der Fanatismus rund um das Energiesparen ist am aus baumeisterlicher Erfahrung, Handwerkskunst und Besitzerstolz entstandenen Denkmal sinnlos. Wirtschaftlicher als im strahlungsbeheizten massiven Bau kann man nicht wohnen, besser, dauerhafter und wohngesunder kann man nicht bauen.
7. Der Denkmalbestand ist den modernen Konstruktionen oft technisch weit überlegen. Alles ist auf Dauer gebaut (Ausnahme: Die klassische Moderne). Nur trickreiche Normung der Baustoffindustrie konnte es schaffen, Baukonstruktionen aus Kalk und Ziegel oder Naturstein, aus Lehm, Holz und Leinöl, mit Einfachfenstern und Strahlungsheizung ins schiefe Licht zu rücken. Ziel: Die Vermarktung minderwertiger Ersatzbaustoffe oder aufwendigster, aber technisch nutzloser Konstruktionen. Ein Denkmalbesitzer muß sich das nicht gefallen lassen.
8. Denkmalbesitzer werden - wenn ihr Haus ordentlich gepflegt ist - von Nichtdenkmalbesitzern oft beneidet. Viele wollen lieber im gemütlichen und gestalterisch überzeugenden Bestand leben als in dem, was die Moderne bietet. Die Fürsprecher für den Abriß von Baudenkmalen sind meist schlecht informiert bzw. von gewissen Eigeninteressen getrieben, die mit dem Denkmal an sich nichts zu tun haben. Vorwürfe an die Denkmalpflege kommen oft von einer Seite, die Meinungsmache liebt und nichts Konkretes, Besseres vorweisen kann. Vorsicht vor Versprechungen, alles würde ohne Baudenkmal besser oder seine Erhaltung im Detail sei unwirtschaftlich bzw. werde von Neubauteilen übertroffen.
9. Denkmalpflege lohnt sich auch steuerlich. Man kann Erhaltungs- und Instandhaltungsaufwand perfekt von der Einkommens-Steuerschuld absetzen.
10. Wenn man dem staatlichen Denkmalpfleger frühzeitig als glaubwürdiger Partner erscheint, kann man auch Fördermittel erhalten. Diese werden nach Objektbedeutung, Bauwerksgefährdung und Kassenlage - auf jeden Fall auch "nach Gusto" vergeben und können kleine Zuschüsse, aber auch wesentliche Beträge ausmachen. Hier haben Denkmalfreunde auf jeden Fall strategische Vorteile. Auch staatliche Denkmalpfleger können übrigens sehr nette Menschen sein, mit denen es sich lohnt, zu unterhalten. Man darf sie nur nicht als Todfeinde behandeln, dann geht´s (meistens).
Aber Vorsicht: Wenn Sie an einen beamteten Nebenkostenschneider geraten, steht Planungsqualität und Kostensicherheit nicht mehr an erster Stelle. Dann bekommen Sie teuerste und oft unsinnige Baukosten wie für Sanierputz, Holzvergiftung, Dämmung oder Horizontalsperre gefördert, aber nicht mehr als 12% Architektenhonorar.
Zu allen diesen Themen und Fragestellungen erhalten Sie auf dieser Homepage fundierte und umfangreiche Informationen. Starten Sie auf der Hauptseite, benutzen Sie auch die angebotenen Themenlinks zu anderen guten Seiten im Internet. Viel Spaß mit der Denkmalpflege, viel Freude mit Ihrem Altbau.
BVG-Urteil zur Zumutbarkeit von unwirtschaftlicher Denkmalpflege
Projekte rund um ungeliebte oder gar böse Baudenkmale - Förderkreis zur Erhaltung Eisenachs e.V. - Bürger wehren sich gegen die Zerstörung ihrer Stadt
www.denkmalpflegediskussion.de - Fetzig und informativ. Mit Forum für Hinz und Kunz
Alternative: Die erhaltende Instandsetzung
Wie finde ich den schlechtesten Planer?